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Streuobstwiese

Streuobstwiese

Streuobstwiesen sind Alleskönner. Auf ihnen wachsen nahrhafte Früchte wie Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Kirschen oder ab und an auch Walnüsse.

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Streuobstwiesen – artenreiche Vergangenheit mit Zukunft?

Streuobstwiesen sind Alleskönner. Auf ihnen wachsen nahrhafte Früchte wie Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Kirschen oder ab und an auch Walnüsse. Zugleich bieten sie auch rund 5.000 Tier- und Pflanzenarten ein Zuhause. Wer Platz hat und Interesse an traditionellen Anbaumethoden, der sollte an eine Streuobstwiese denken. Und langfristig denken: Denn das Projekt braucht Zeit.

Junge Obstbäume brauchen Schutz.

Streuobstwiesen haben in Deutschland eine lange Geschichte. Die Anfänge reichen bis zum Ende des dreißigjährigen Krieges zurück, also Mitte des 17. Jahrhunderts (Der Krieg endete 1648). Nach dem Wüten der Soldateska waren in Mitteleuropa die Bauernhöfe zerstört, die Brunnen vergiftet und die Landschaft ein Trümmerfeld – es herrschte also große Not unter der vom Krieg stark dezimierten Landbevölkerung. Nach den ersten landesherrlichen Edikten durch die Herrschenden im 17. Jahrhundert, mit denen der Obstanbau rund um Dörfer und Städte gefördert wurde, erfolgte im 18. Und 19. Jahrhundert eine starke Ausweitung des Streuobstanbaus in den Regionen mit für Obstbäume geeignetem Klima. Wurde zunächst noch Getreide unter den Hochstämmen angesät, entwickelte sich mit der starken Ausbreitung der Streuobstwiesen während der Industrialisierung der heute noch aktuelle Typ des Hochstammbestandes mit Wiesennutzung.

Flächenausweitung im 19. Jahrhundert

Durch die große Expansion der Streuobstwiesen entwickelte sich der Obstanbau im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Wirtschaftszweig in der deutschen Landwirtschaft. Streuobstwiesen – deren Name daher rührt, dass die Bäume „verstreut“ über die Fläche verteilt sind und anders als in einer Plantage heutigen Typs nicht in Reih‘ und Glied stehen – bildeten für eine große Zahl von Klein- und Nebenerwerbsbetrieben einen idealen Wirtschaftstyp, der eine Vielzahl von Obstsorten garantierte.

Unter den hochstämmigen Obstbäumen konnten Huftiere weiden und die Obstbäume lieferten vielfältiges Obst für die bäuerliche Großfamilie. Das Obst wurde frisch verzehrt, zu Dörrobst, Fruchtsaft, Most oder Schnaps weiterverarbeitet. Die weiteste Verbreitung von Streuobstwiesen gab es zwischen 1930 und 1955: Damals gab es rund 1,5 Millionen Hektar Streuobstwiesen in Deutschland, in Europa schätzungsweise fünf Millionen Hektar. Streuobstwiesen prägten unsere Kulturlandschaft, wie wir sie heute kennen und schätzen.

...und so sieht Sie nach vielen Jahren aus.

Abgeholzt nach dem II. Weltkrieg

Kriege waren nicht nur der Ausgang, sondern fast auch der Untergang für die Streuobstwiesen. Mit dem rasanten Wandel der Landwirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg und dem starken Rückgang insbesondere bei der kleinbäuerlichen Betriebe verloren auch die Streuobstwiesen ihre ursprüngliche Bedeutung. Dem immer großflächigeren Anbau mit immer größer werdenden Maschinen waren die Hochstämme schlicht im Weg. Steigende Obstimporte taten ein Übriges und auch die staatliche Unterstützung für das Abholzen der alten Bäume in den Jahren zwischen 1957 und 1974 sorgten für großflächiges Roden der Wiesen mit ihren Hochstämmen.

Schützenswertes Kulturgut

Heute gehören Streuobstwiesen zu den besonders gefährdeten Naturräumen in Deutschland, denn für die industriell geprägte Landwirtschaft werfen sie einfach nicht genug Ertrag ab. Allerdings sind sie extrem wichtig für den Arten- und Umweltschutz – und für die Wiederentdeckung alter Obstsorten. Mehr als 1.200 Apfel-, 1.000 Birnen-, 200 Kirsch- und 320 Zwetschgensorten sind bekannt. Und durchaus unterschiedlich in ihren Eigenschaften: der eine ist gut lagerfähig, andere eigenen sich für Marmeladen oder Most oder als Belag für Kuchen. Der Vielfalt sind eigentlich keine Grenzen gesetzt.

Und auch ökologisch sind Streuobstwiese durch eine große Artenvielfalt geprägt: Naturschützer konnten über 5.000 unterschiedliche Tierarten nachweisen, das macht sie zu den artenreichsten Lebensräumen in Europa. Neben Insekten, Vögeln und kleinen Säugetieren haben auch Steinkauz und Fledermäuse hier ihr Revier. Unterschiedliche Nistkästen tun ein übriges, um bedrohte Arten anzulocken. Auch Imker stellen ihre Bienenstöcke gerne auf Streuobstwiesen auf. In einem derart ausgewogenen Ökosystem ist die Bestäubung der Bäume sichergestellt und Schädlingsbefall hält sich von selbst in Grenzen.

Streuobstwiese: gemischte Altersbestände sind notwendig

schöner Solitäir / Birnbaum

Was macht heute eine Streuobstwiese also aus? Die extensive Pflege, die Bepflanzung mit Hochstämmen, die Betonung der einzelnen Baumes (keine Reihenpflanzung) und die Kombination mit Grünland. Immer noch gelten Streuobstwiesen als stark gefährdet. Das hängt neben den geringeren Erträgen im Vergleich zu Plantagenobst auch an ihrer speziellen Pflege.

Denn gerade Hochstämme wie Apfel- und Birnbaum wollen gepflegt werden. Werden sie nicht fachkundig geschnitten, altern die Bäume früh und tragen keine Früchte mehr. Der Bewuchs unter den Bäumen muss zweimal pro Jahr gemäht beziehungsweise beweidet werden. Im Herbst ist dann Erntezeit, bei unterschiedlichen Obstsorten durchaus zu unterschiedlichen Zeiträumen. Das benötigt Zeit und Fachwissen, das man sich erst mal wieder aneignen muss. Viele Streuobstwiesen leiden heute an Überalterung, was nicht bedeutet, dass die alten Bäume gefällt werden müssten; sie müssen aber durch fachmännisches Zurückschneiden vor Stürmen und Starkregen geschützt werden. Zudem müssen junge Bäume nachgepflanzt werden, um die Bestände zu sichern, damit eine breite Artenvielfalt gesichert bleibt.